Mit DCS werden bekannte Desktop-Paradigmen neu sortiert. Wer sich darauf einlässt, erhält ein spannendes und innovatives Retro-Betriebssystem auf Debian-Basis.
Mein erster selbst gekaufter PC war gar keiner, sondern ein Mac. Um genau zu sein, ein quietschbunter iMac. Das Gerät hatte einen PowerPC mit 233 MHz, 32 Megabyte RAM und eine wenige Gigabyte grosse Festplatte. Dazu kamen ein CD-ROM-Laufwerk sowie USB-Anschlüsse und Ethernet. Ausserdem verfügte der iMac über ein integriertes 56-Kbit/s-Modem und eine Infrarot-Schnittstelle (IrDA).
Das Design des ersten iMacs stammt übrigens aus der Feder von Jonathan Ive.

Da ich zu dieser Zeit die Möglichkeit hatte, mich kostenfrei mittels Modem ins Internet einzuwählen, war ich ähnlich wie Bobble auch schon bald online. Und das ganz ohne AOL.
An das Bedienkonzept der mitgelieferten Mac OS-Version hatte ich mich schnell gewöhnt. Der sogenannte Spatial Mode erschloss sich mir intuitiv. Dabei wird der Computer wie ein physischer Raum mit Ordnern betrachtet. Jeder Ordner öffnet sich in einem eigenen Fenster und die Fensterposition und -grösse werden gespeichert. Das heisst, beim erneuten Öffnen des Ordners, erscheint das Fenster an der zuletzt genutzten Position.
Auch die Freie Desktopumgebung GNOME hat diese Idee später mit Version 2.6 fortgeführt und dem Dateimanager Nautilus ein Spatial-Interface spendiert.
Da dieser Ansatz in der PC-Welt eher unbekannt war, sind viele Linux-Distributionen dazu übergegangen, standardmässig den sogenannten Browser-Mode zu aktivieren, den wir auch heute fast überall vorfinden. Dabei wird ein Ordner im gleichen Fenster geöffnet.
Und selbst Apple ist in neueren Versionen von dieser mir logisch erscheinenden Art, mit einem Computer zu interagieren, abgekommen.
mycophobia hat dies zum Anlass genommen, mit dem Desktop Classic System eine Debian-basierte Linux-Distribution bereitzustellen, die vom klassischen Mac OS nicht nur inspiriert wurde, sondern darauf aufbauend intuitive Verbesserungen bietet.
Der Dateimanager
Herzstück ist eine modifizierte Version der MATE-Desktopumgebung, wobei in erster Linie der File Manager Caja angepasst wurde.
Die Grundidee besteht darin, dass sich alle Elemente des Computers vom Desktop aus erreichen lassen. Alle Dateien und Ordner, sowohl lokal als auch über das Netzwerk, sind über den Desktop zugreifbar. Alle Applikationen können über das Menü gestartet, neu installiert oder entfernt werden.
Das mag zunächst abstrakt klingen, erschliesst sich jedoch bereits nach kurzer Zeit, sofern man bereit ist, etablierte Bedienkonzepte zur Seite zu legen.
Am deutlichsten wird dies beim Dateimanager Caja, der wie bei GNOME 2 im Spatial-Modus startet. Die Standardansicht ist die Icon-Ansicht, in der Dateien und Ordner frei platziert und sortiert werden können.

Überdies kann jedes Fenster mit einem eigenen Hintergrundbild oder einer Hintergrundfarbe versehen werden, sodass sich diese schneller identifizieren lassen. Ordner und Dateien können ausserdem mit einem Symbol versehen werden. Ansichtseinstellungen, wie die Symbolgrösse, der Hintergrund oder der Darstellungsmodus werden für jeden Ordner separat gespeichert. Für eine Navigation in komplexen Ordnerstrukturen eignet sich der List-Mode, mit dem man sich auch in verschachtelten Ordnern schnell einen Überblick verschaffen kann.
Die Fensterverwaltung
Nicht nur der Dateimanager arbeitet im Spatial-Modus, auch die Fensterverwaltung nutzt dieses Konzept. Und da wären wir wohl auch bei dem gewöhnungsbedürftigen Punkt von DCS, denn wer Knöpfe zum Minimieren oder Maximieren eines Fensters erwartet, sucht vergeblich. Zwar gibt es in der Taskleiste neben dem Arbeitsflächenumschalter eine Fensterliste, jedoch nur, um «verloren gegangene Fenster» wieder einzufangen. Im besten Falle sollte diese daher nie zum Einsatz kommen.
Fenster vergrössert man über die Resize-Möglichkeiten am Fensterrand und den Fensterecken. Die Position und Grösse eines Fensters werden auch hier gespeichert, das heisst, öffnet man das Programm erneut, wird es an der zuletzt genutzten Position wieder geöffnet.
Auf der linken Titelleiste eines Fensters findet man zwei Knöpfe, einen, der aussieht wie ein Minimieren-Button, und einen, der aussieht wie ein Maximieren-Knopf. Doch die Funktionen sind nicht wie gewohnt belegt. Der Minimieren-Button dient dazu, das Fenster einzurollen. Damit wird nur noch die Titelleiste des Fensters angezeigt, der Fensterinhalt aber ausgeblendet. So werden die darunter liegenden Fenster sichtbar. Ein erneuter Klick auf den im Englischen als Shading bezeichneten Knopf rollt das Fenster wieder aus.
Die Funktion des üblicherweise zum Maximieren genutzten Buttons ist auf Anhieb nicht ersichtlich und wird erst verständlich, sobald man sich mit der Funktionsweise der virtuellen Arbeitsflächen beschäftigt hat. Im oberen rechten Bereich befindet sich der Arbeitsflächenumschalter, mit dem man zwischen vier virtuellen Arbeitsflächen wechseln kann. Die Idee von mycophobia ist, dass man den mit der Funktion «immer auf allen Arbeitsflächen sichtbar» belegten Knopf einmal anklickt, dann zum Beispiel auf die Arbeitsfläche 2 wechselt und dann den Knopf erneut drückt. So lässt sich einfach ein Fenster einfach auf eine andere Arbeitsfläche verschieben.
Über einen Mittelklick auf die Titelleiste lässt sich zudem ein Fenster ganz nach unten in dem Fensterstapel absenken. Damit ist das Fenstermanagement bereits vollumfänglich erklärt. Man positioniert und arrangiert die Fenster so im Raum, wie man es möchte, und beim erneuten Öffnen erscheinen sie an der gewohten Position wieder.
Das Menü
Über das Menü lassen sich Programme starten und Favoriten erstellen. Einträge können mittels Drag & Drop auf dem Desktop oder dem Panel platziert werden.
Im Menü befindet sich ausserdem ein Eintrag für den AppManager, einer Eigenentwicklung des Projektes. Darüber lassen sich Updates einspielen, Pakete suchen und installieren, und Programme deinstallieren. Dabei ist zu beachten, dass der AppManager nur Programme zur Installation anbietet, die einen sogenannten .desktop-Eintrag mitliefern, also Programme, die sich grafisch starten lassen.
Zur Deinstallation kann man einfach ein Programm per Drag & Drop aus dem Menü ablegen, und auch .deb-Dateien, wie der offizielle Steam-Client, können auf diese Weise installiert werden.
Die Darreichungsform
DCS basiert auf Debian GNU/Linux in der Stable-Variante. Ausgeliefert wird das System mit einem minimalen Softwareausbau. Nicht mal ein Browser ist standardmässig mit an Bord. Dabei handelt es sich um eine bewusste Designentscheidung.
Interessant ist zudem, dass die Distribution nicht wie sonst üblich in der Form einer ISO-Abbilddatei ausgeliefert wird, sondern als Zip-Archiv, welches auf einen FAT32-formatierten USB-Stick entpackt werden muss. Dabei ist zu beachten, dass der Inhalt des Archivs direkt auf dem Stick abgelegt wird und nicht in einem Unterordner.
Ist das passiert, kann das Desktop Classic System gestartet werden, vorausgesetzt, der Computer verfügt über ein modernes EFI-BIOS.
Auch in einer Virtualisierungsumgebung lässt sich DCS ausprobieren. Ich habe die Distribution in der QEMU-basierten Virtualisierungslösung UTM für den Mac getestet, musste dort allerdings USB-Passthrough aktivieren.
Fazit
Auf mich macht DCS einen soliden und durchdachten Eindruck. Hat man sich erst einmal mit dem ungewöhnlichen Bedienkonzept vertraut gemacht und ist bereit, bekannte Paradigmen beiseitezulegen, macht es nicht nur viel Spass, man kann auch flott damit arbeiten.
Die Idee, dass sich Elemente in einem fest definierten Raum wiederfinden lassen, gefällt mir sehr gut und fühlt sich für mich natürlich an.
Wer die kleineren Hürden vor dem Test der Distribution überwinden mag, dem erschliesst sich eine neue, vielleicht teils vertraute und dennoch innovative Welt.
Links:
DCS-Hauptseite: https://mycophobia.org/dcs/
Gründe für DCS: https://mycophobia.org/reasons/index.html
Quick-Start-Guide: https://mycophobia.org/dcs/Quick-Start%20Guide.pdf
DCS-Forum: https://mycophobia.org/forums/viewtopic.php?t=38
Bildquelle iMACs: Original-Apple-Werbung von 1999
Bildquelle Header: DCS-Homepage
Wenn dir der Artikel gefällt, kannst du mich gerne mit einer Spende unterstützen.
GNU/Linux.ch ist ein Community-Projekt. Bei uns kannst du nicht nur mitlesen, sondern auch selbst aktiv werden. Wir freuen uns, wenn du mit uns über die Artikel in unseren Chat-Gruppen oder im Fediverse diskutierst. Auch du selbst kannst Autor werden. Reiche uns deinen Artikelvorschlag über das Formular auf unserer Webseite ein.


































Das Spiel gibt an bestimmten Stellen Hinweise, wenn etwas noch nicht stimmt. Wer zum Beispiel einen Gesteinsplaneten besiedelt hat, aber noch keinen Bergbau erforscht, bekommt den Hinweis direkt im Dashboard. Kein stilles Warten, keine Raterei warum die Rohstoffe nicht wachsen. Der Tipp verschwindet, sobald die passende Forschung gestartet ist.


