Basierend auf Debian Sid und Xfce, liefert das Projekt eine reduzierte und gut abgestimmt Distribution ab.
Erinnert ihr euch an den Vorschlag für ein Standard-Linux, über den ich neulich berichtet habe? Tädä, hier ist es! Es heisst Xebian und erfüllt meiner Meinung nach viele Kriterien an ein vermeintliches Standard-Linux. Das ist jedoch nicht die Idee des Projektes, sondern wurde ihm von mir angedichtet. Wer den Namen Xebian hört, weiss auch schon, was die Basis und die Desktopumgebung ist. Ich habe es installiert und ausprobiert.
Wer sich für Geschichte interessiert, findet einen kurzen Artikel über Xebian bei uns, den Lioh vor 2 Jahren geschrieben hat. Alle Anderen möchten bestimmt wissen, wie sich das Projekt seitdem entwickelt hat.
Auf der Projektseite von Xebian heisst es: "Das Ziel dieses Projekts ist es, ein auf Xfce basierendes Debian-System zu entwickeln, das Xubuntu sehr ähnlich ist." Für meinen Geschmack hätte das Team etwas mutiger formulieren dürfen. Vielleicht liegt es daran, dass ein Entwickler ein ehemaliges Mitglied des Xubuntu-Projektes war. Xebian gibt es als hybrides ISO-Image für 64- oder 32-Bit-Systeme (x86) mit einer Grösse von 1.5 GB. Damit lässt sich die Distribution als Live-System (Titelbild) starten und installieren. Für die Installation wird Calamares verwendet.
Die Distribution basiert auf Debian Sid, also dem "unstable"-Zweig der Mutterdistro, womit man es mit einem Rolling-Release-Modell zu tun hat. Als Desktopumgebung kommt Xfce 4.18 zum Einsatz, worauf der Name "Xebian" hinweist. Ansonsten ist diese Distro absichtlich spartanisch ausgelegt, wenn es um die Pakete geht. Sie enthält die wichtigsten Werkzeuge, die die meisten Benutzer benötigen, wie z. B. einen Webbrowser, einen Mediaplayer, Bild- und PDF-Betrachter usw. Die Standardeinstellung ist ein sehr einfaches Festplattenlayout, mit einer Root-Partition und einer Swap-Partition und sonst nichts.
Installation
Wie gesagt, das ISO-Image startet in den Live-Modus, in dem man sich einen ersten Überblick verschaffen kann. Nach einem Klick auf das Install-Icon gibt es eine kleine Überraschung:

Egal, "Launch Anyway" startet Calamares. Hier wurde nichts an Xebian angepasst; es läuft die standardmässige Installationsprozedur für Debian 12 ab:

Das geht schnell und ist mit ein paar Klicks, Auswahlen und der Eingabe von Name und Ort erledigt. Die eigentliche Installation dauert ca. 1 Minute, was auch an der reduzierten Menge an Paketen liegt; es sind nur 1244. Bei einem Debian-basierten System kann man das mit diesem Befehl ermitteln: dpkg --list | wc --lines. Der Speicherbedarf nach dem Starten beträgt 870 MB, was ein üblicher Wert bei der Kombination von Debian und Xfce ist. Die Boot-Geschwindigkeit beträgt 15 Sekunden, vom Kaltstart bis zum Login-Dialog in der virtuellen Maschine GNOME-Boxes.
Desktop
Da Xebian bewusst reduziert gebaut wurde, erscheint auch der Xfce-Desktop ohne viel Bling Bling. Wie ihr im Titelbild sehen könnt, gibt es ein oberes Panel mit einem Menü auf der linken Seite und diesen Funktionen auf der rechten Seite: Energieverwaltung, Audio-Regler, Netzverbindungen, Aktualisierungsindikator (Synaptic), Kalender, Workspaces, Arbeitsflächenumschalter.

Bis auf die m. M. überflüssige Energieverwaltung und das zu grosse Icon für die Aktualisierungen gefällt mir alles. Auch gut ist der Ersatz des standardmässigen Xfce-Anwendungsmenüs durch das tolle Whisker-Menü. Dadurch erspart sich Xebian den App-Finder und Shutdown-Icons im Systemtray, weil diese Funktionen in Whisker bereits enthalten sind. Als Desktop-Thema kommt Xubuntus Graybird-Dark Theme zum Einsatz, was mir gut gefällt. Vor allen Dingen, scheinen sich alle Anwendungen an das Thema zu halten.
Anwendungen
Machen wir es kurz: Xebian verwendet einen 6.4er Kernel, Xfce 4.18 und bringt wenige vorinstallierte Anwendungen mit:
- Büro: keine Office-Suite, nur den PDF-Betrachter Atril
- Einstellungen: das übliche Xfce-Durcheinander
- Grafik: den GNOME 44 Dokumenten-Scanner (hält sich nicht ans Theme) und Ristretto als Bildbetrachter
- Internet: Firefox 116.0
- System: Synaptic Paketverwaltung, Task-Manager, Thunar Dateiverwaltung
- Unterhaltungsmedien: Parole Medienplayer, Pulse-Audio Lautstärkeregler, Xfburn CD-Brenner
- Zubehör: Bildschirmfoto, Catfish-Dateisuche, Engrampa-Archive, MATE-Taschenrechner, Mousepad (Editor), Terminal, Zeichentabelle, Zwischenablage
Tja, das ist es. Ich habe selten eine Distribution mit so wenigen vorinstallierten Anwendung gesehen. Das mag für Fortgeschrittene gut sein, weil sie sowieso die meisten Apps durch ihre eigenen Favoriten ersetzten. Einsteiger vermissen hier den grossen Vorteil von GNU/Linux-Distributionen: batteries included. Es gehört zur Idee von Xebian, die Distribution so schlank wie möglich zu halten.
System
Mit Debian-unstable hat man aktuelle Software zur Verfügung. Der Kernel und die Desktopumgebung sind auf dem neusten Stand und bleiben es auch. Für die Paketverwaltung kommt apt, bzw. Synaptic als grafischer Überbau zum Einsatz. Xebian wird mit allen grundlegenden Debian-Repositories ausgeliefert: main, contrib, non-free-firmware und non-free ohne eigene Extras.

Andere (neue) Paketformate (Flatpak, Snap, AppImage) werden nicht unterstützt, können aber nachinstalliert werden. Auf eine GUI-Paketverwaltung, die vielfältige Formate unterstützt, muss man verzichten. Bei der Konfiguration der Distribution muss man sich auf das Xfce-Sammelsurium von Einzelanwendungen einlassen. Eine zusammenfassende Anwendung für Systemeinstellungen gibt es nicht. Xebian verwendet systemd als erweitertes Init-System, und X.org (X11) als Display-Server; Wayland gibt es nicht.
Fazit
Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen; Xebian positioniert sich nicht als die Standard-Distro, das war nur meine Idee für diesen Artikel.
In der Einleitung habe ich Xebian als Kandidatin für die von Jack Wallen vorgeschlagene Idee einer Standard-Linux-Distribution erwogen. Grundsätzlich ist Debian Sid dafür eine gute Basis, weil es ziemlich stabil, Community-gestützt und im Linux Umfeld, der Fels in der Brandung ist. Obwohl ich ein Xfce-Fan bin, halte ich den Desktop für veraltet und nicht genügend volatil. Wer Debian stable als langsam empfindet, muss bei Xfce in den Keller gehen und die Bartwickelmaschine anwerfen. Das ist keine Kritik, sondern ein Lob an die Stabilität und Beständigkeit des Xfce-Projektes.
Meine Wunschvorstellungen für eine "Standard-GNU/Linux-Distribution" wären:
- Debian Sid basiert
- KDE-Plasma oder GNOME als Desktop bei der Installation zur Auswahl
- Live-ISO, damit Anwender:innen ausprobieren und installieren können
- Ein grafischer Paketmanager, der alle modernen Formate beherrscht
- Eine gute Vorauswahl von Anwendungen (das ist der unique selling point von Linux-Distros)
- Gefälliges Theming und viel Gefühl für die Details (ein stimmiger Desktop)
Für wen eignet sich Xebian? Für alle, die es einfach, stabil und rolling mögen, was kein Widerspruch sein muss. Für alle, die ihre eigenen Vorstellungen von der Zusammenstellung ihrer Anwendungen haben und mit einem schlanken System starten möchten. Wenn auch minimalistisch, hat die Distribution eine gute Konfiguration, auf der man aufbauen kann.
Quelle: https://xebian.org/
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