Viele sprechen und schreiben immer von „der“ Linux Community, aber wenn man näher hinsieht, zerfällt die Community eigentlich in zwei bzw. drei gänzlich unterschiedliche Hauptgruppen. Das sollte man berücksichtigen, wenn man über Akzeptanz und Entwicklung nachdenkt.
Das Kernproblem beim Verfassen eines solchen Artikels ist der eklatante Mangel an belastbaren Zahlen. Das liegt zum einen an Datenschutz-/Privacy-Vorbehalten, aber vermutlich wollen manche Projekte die Wahrheit gar nicht so genau wissen. Irgendjemand wird sicher in den Kommentaren sinngemäß schreiben, dass das in seinem Umfeld natürlich ganz anders sei. Aber Binnenwahrnehmungen haben selten etwas mit den realen Verhältnissen zu tun. Die AfD skandiert ja auch bei 10 % noch Wir sind das Volk, weil ihre Anhänger in ihren Blasen die Mehrheit stellen.
Einen genaueren Blick auf die Community zu nehmen ist aber sinnvoll, um interne Diskussionsprozesse besser gewichten zu können und manche Entwicklungen zu verstehen. Simplifiziert geht es um die Frage: Warum ist Ubuntu mit GNOME (und demnächst Snaps) so erfolgreich, wenn die Mehrheit der Kommentatoren in Foren und Blogs diese Konstruktion ablehnt.
Das Thema Mehrheiten, Minderheiten und die Abläufe von Diskussionsprozessen interessiert mich schon länger, weil in meiner Wahrnehmung Teile der Community das Potenzial haben, in etwas abzurutschen, was momentan gerne als „toxisches Umfeld“ beschrieben wird.
Das wiederum halte ich für fatal, weil es eine kritische Größe gibt, ab der eine Community in die Bedeutungslosigkeit abrutscht (oder dieser nie entwächst) und dann immer weniger Berücksichtigung durch Dritte gibt. BSD wäre hier ein Beispiel. Linux ist als Baustein für den Schutz der Privatsphäre oder des Datenschutzes im individuellen IT-Bereich für die „digitale Selbstverteidigung“ zu wichtig, um diese Tendenzen bedeutungslos zu finden.
Gruppe 1: Linux im Mainstream
Die erste große Gruppe sind die Masse der Anwender von Linux als Desktopsystem. Dazu hatte ich mich hier schon mal geäußert. Die Masse der Linux-Anwender verteilt sich auf ein paar wenige Distributionen und nutzt primär Software einer Handvoll Projekte.
Die große Mehrheit der Linux-Anwender nutzt Ubuntu, eines der offiziellen Derivate (Kubuntu, Xubuntu, Lubuntu usw.) oder einen der inoffiziellen Abkömmlinge (Linux Mint, elementary OS, Pop!_OS usw.). Es gibt dazu keine belastbaren Zahlen, aber Hinweise. Dazu gehören die von Canonical publizierten 25 Millionen aber auch die Größe der Communitys, die Rezeption in den Medien und die Unterstützung durch Anbieter proprietärer Programme. Ergänzend kann man sich die Ergebnisse der Steam Hardware Survey ansehen, die man aber nicht überbewerten darf, weil Gaming nur ein Segment des Linux-Desktops ist und aktuelle Treiber hier eine überproportional große Rolle spielen. Insgesamt ergibt sich ein ziemlich stimmiges Bild.
Über die internen Verteilungen möchte ich nicht ausführlich mutmaßen, aber durchaus denkbar, dass Linux Mint hier bereits vor der Stammdistribution Ubuntu liegt. Da die meisten der offiziellen und inoffiziellen Derivate direkt auf die Ubuntu LTS aufsetzen, kann man konstatieren, dass die große Mehrheit der Anwender eine LTS-Distribution nutzt. Entsprechend sind viele (proprietäre) Drittanbieter-Programme vor allem für Ubuntu LTS getestet.
Den Desktopzahlen bin ich bereits mal auf den Grund gegangen. Es gibt viel Auswahl, aber letztlich nutzt eine große Gruppe GNOME, direkt gefolgt von KDE Plasma. Danach kommen dann die kleineren Desktopumgebungen mit Marktanteilen im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Bereich.
Installationen von Programmen nehmen diese Anwendergruppen über die von der Distribution vorgegebenen Wege vor. Das bedeutet grafische Oberflächen für Paketinstallationen und App Stores. Auf der Kommandozeile werden lediglich Dreizeiler aus dem Internet per C&P eingefügt, um ggf. PPAs für neuere Versionen einzufügen. Ob das Programm als DEB, Snap, Flatpak oder AppImage kommt, ist dieser Anwendergruppe egal – so lange es funktioniert.
Diese Community-Gruppe sollte man nicht als DAUs abstempeln oder als anspruchslose Nutzer. Mir fallen spontan gleich einige Entwickler und Systemadministratoren ein, deren Arbeitsgeräte ziemlich langweilige Ubuntu 20.04 Systeme ohne größere Anpassungen sind. Man arbeitet schließlich mit dem System und nicht am System.
Diese Gruppe ist zudem extrem wichtig, weil sie die Masse der Anwender stellt und verhindert, dass Linux am Desktop auf das Bedeutungsniveau von BSD absackt. Dank dieser Gruppe gibt es für Linux inzwischen selbstverständlich Clientprogramme für wichtige Dienste wie Zoom oder Teams. Das sah vor 15 Jahren noch ganz anders aus und ist eine Folge der Popularität von Ubuntu und der damit einhergehenden Standardisierung dessen, was gemeinhin als „Linux-Desktop“ begriffen wird.
Die Gruppe nimmt aber naturgemäß kaum Teil an irgendwelchen Diskussionen zur Weiterentwicklung von Linux. Normale macOS-Nutzer kommentieren schließlich auch nicht die Apple-Entwicklungen in irgendwelchen Foren. Die Gruppe fällt eher als träge Masse auf, die bei langanhaltenden Fehlentwicklungen oder durch gruppendynamische Prozesse von Distribution A zu Distribution B wandert. Diese Gruppe ist aber ziemlich tolerant gegenüber neuen Entwicklungen. Das kann man z. B. am Prozess GNOME 2 zu Unity zu GNOME Shell bei Ubuntu sehen, die meistens ausweislich der Zahlen einfach mit vollzogen wurde.
Gruppe 2: Lautstarke Minderheiten
Linux bietet unendlich Möglichkeiten. Die meisten Anwender arbeiten aber mit einem Standardsetup mit GNOME oder KDE Plasma und damit einem ähnlichen Aufbau, wie dem „Ubuntu-Mainstream“ und Partizipieren zumindest passiv an der Entwicklung. Andere Anwender schwören auf die Anpassbarkeit von Xfce, MATE oder irgendwelchen Openbox-Konstruktionen. Also jener Bereiche, bei denen Weiterentwicklungen nicht oder nur sehr langsam Einzug halten. Gerne auf demonstrativ veralteter Hardware, um die Genügsamkeit von Linux unter Beweis zu stellen und unter Verweigerung moderner „Trends“ wie Cloud oder Smartphone. Diese Anwender bringen ihre Minderheiteninteressen oft sehr offensiv in Debatten ein.
Exotische Setups gehen meist mit exotischen Distributionen einher. Exotisch bedeutet hier tatsächlich alles abseits des Ubuntu-Universums denn die Nutzungszahlen aller anderen Distributionen liegen (mutmaßlich) weiter hinter der „Ubuntu-Familie“. Hier haben wir aber noch viel weniger Zahlen. Für openSUSE Tumbleweed wurden 2016 mal 60.000 aktive Installationen bekannt gegeben, vermutlich sind das inzwischen ein paar mehr, aber es wird hier keine Millionen-Sprünge gegeben haben. Ich mag openSUSE, aber so viel Ehrlichkeit und Reflexionsvermögen sollte man als Kommentator haben. Fedora hat zwar 2019 Anstalten unternommen seine Benutzer zu zählen, aber Ergebnisse gibt es bisher nicht, die Verbreitung kann ich schwer schätzen, weil es hier erhebliche regionale Unterschiede zwischen Europa und den USA geben kann. Debian mag für das Gesamt-Ökosystem eine tragende Rolle spielen und im Server-Segment wichtig sein, Desktop-Installationen machen nach den Popcon-Zahlen nur eine Minderheit aus. Bei den Nicht-stabilen Distributionen spielt bestenfalls Manjaro und Arch eine nennenswerte Rolle, wie man auch der Steam Survey entnehmen kann.
Natürlich kann man nicht alle Distributionen über einen Kamm scheren, aber gemessen an der „Ubuntu-Familie“ haben sie alle eher kleine Benutzerzahlen. Man kann nämlich getrost bezweifeln, dass diese Distributionen auf die Millionen-Basis kommen, die Ubuntu für sich veranschlagt. Ansonsten würden beispielsweise die wenigen Mirror-Server andauernd in die Knie gehen. Alles andere läuft sowieso unter „ferner liefen“.
Hier bildet sich dann der Kern dessen, was ich als Gruppe 2 betrachte. Diese Gruppe hat sich mit dem System Linux wie es aktuell ist, sehr gut eingerichtet und benötigt keine Veränderung. Sie sieht keine Probleme und hat deshalb keinen Bedarf an wirklicher Entwicklung jenseits kosmetischer Pflege. Teile der Gruppe bekämpfen jedwede Veränderung geradezu aggressiv, weil sie es als Angriff auf ihr liebgewonnenes System wahrnehmen.
Das liegt auch daran, dass die Gruppe glaubt die Wahrheit gepachtet zu haben. Sie verwendet deshalb zur Begründung ihrer Positionen gerne die „Unix-Philosophie“ oder das „KISS-Prinzip“, um missliebige Entwicklungen zu diskreditieren.
In den Foren und Kommentarspalten machen diese Anwender aber einen überproportional großen Anteil aus. Auch in den Communitys der oben genannten Distributionen. Zum Problem wird das, wenn subjektive Äußerungen sich nicht mehr in Deckung mit Fakten bringen lassen. Stabile LTS-Distributionen verteufeln diese „Supporter“ bei jeder Gelegenheit (Beispiel hier) oder Snaps und Flatpaks werden mit Argumenten an der Schwelle von Unkenntnis zu Fake News bekämpft (Beispiele in den Kommentaren hier). Die überproportionale Präsenz in Foren und Kommentarspalten verleitet Gruppe 2 oft dazu zu glauben, sie wären „die Community“ oder von besonderer Relevanz für die Community.
Gruppe 3: Dort wo wie Entwicklung passiert (Red Hat)
Gruppe 2 hält sich zwar für sehr wichtig (sieht man daran, dass in den verlinkten Kommentaren von „Akzeptanz in der Community“ die Rede ist, wo eher die eigene Blase gemeint wird) ist es aber eigentlich nicht. Das wird wieder einige furchtbar aufregen, aber wer hier kommentiert, soll bitte gleich die letzte Innovation listen, die diese Gruppe hervorgebracht hat. Die Wünsche von exotischen Nutzern mit hochgradig individuell konfigurierten Linux-Setups sind einfach zu irrelevant im Hinblick auf die Marktanteile.
Die Entwicklung passiert bei Red Hat und hier vor allem im Testballon Fedora. Eine Zusammenfassung konnte man jüngst hier lesen. Ein wenig steuern noch SUSE und Canonical bei. Konkrete Projekte als Beispiele wären der usr-merge samt daraus hervorgehenden Möglichkeiten, alles rund um systemd, Pulseaudio, Pipewire, Desktop-Entwicklung im GNOME-Umfeld, Gedanken über Distributionen der Zukunft, Flatpaks und schließlich noch kpatch, um eine für Server relevante Funktion zu nennen. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Diese Gruppe wird zwar regelmäßig von Gruppe 2 angepöbelt (kann man bei jedem Aufschlag von Lennart Poettering erleben) aber arbeitet trotzdem weiter an Linux. Ab einer gewissen Reife landen diese Entwicklungsergebnisse über Ubuntu dann bei der Masse der Anwender. Gruppe 2 zieht irgendwann mal nach oder nicht, kann man dann in internen Abstimmungsprozessen bei z. B. Debian nachverfolgen.
Zusammengefasst
Wichtig ist, was Gruppe 3 macht und wie Gruppe 1 darauf reagiert. Die zweite Gruppe führt zwar ihre lautstarken Binnendiskurse, geriert sich als Semi-Profis, wird aber von allen ernst zu nehmenden Entwicklern inzwischen ganz offenkundig ignoriert.
Noch arbeiten alle Gruppen letztlich mit dem gleichen Linux-System, aber je schneller die Entwicklung voranschreitet und je mehr sich Gruppe 2 dem verweigert, desto eher kann hier eine wirkliche Spaltung eintreten. Die Frage, ob die Lieblingsprojekte von Gruppe 2 den Sprung auf aktuelle Technologien wie Wayland schaffen, ist noch nicht beantwortet. Die sukzessive Verbreitung von Flatpaks oder Snaps bei Mainstream-Distributionen und Drittanbieter-Software wird hartnäckige Verweigerer zudem weiter isolieren.
Die Frage ist allerdings, wie sehr Gruppe 2 mit ihrer Ablehnung, undifferenzierter Ablehnung und partiellem Hass die Community so sehr vergiftet, das Linux insgesamt Schaden nimmt. Öffentliche Diskussionsprozesse über Veränderungen sind gegenwärtig bereits fast unmöglich, weil Akteure von Gruppe 2 jede konstruktive Diskussion sabotieren.
In diesem Sinne sollte jeder mal darüber nachdenken, wo er sich positioniert, welcher Gruppe er sich zuordnet, mit welchen Argumenten er sich beschäftigt und ob er vielleicht Nischenmeinungen reproduziert.
Der Artikel Spannungsfelder in der Linux Community erschien zuerst auf [Mer]Curius