Wenn man im Internet nach Lösungen für Probleme mit LibreOffice & Co. bei wissenschaftlichen Arbeiten sucht, kommt meist sehr schnell der Hinweis, dass man gar nicht mit dem richtigen Werkzeug unterwegs ist, sondern eigentlich LaTeX viel besser wäre. Frei nach dem Motto: Alles andere sind Amateure. Aber ist das immer so? Oder war es jemals so? Nein. LaTeX ist eine gute Option, aber es legt einem auch Steine in den Weg. Jedes mögliche Werkzeug hat seine Stärken und Schwächen.
Ich beschäftige mich viel mit LibreOffice & Co. und werde oft gefragt, warum mich die Entwicklungen bzw. Nicht-Entwicklungen in diesem Bereich so interessieren. Das liegt daran, dass Office für mich immer noch ein zentrales Werkzeug ist. Das ist wohl eine Generationenfrage. Textverarbeitung, Präsentation, Tabellenkalkulation. Das sind Programme, die ich täglich brauche, und vor allem die Textverarbeitung ist das, was ich wirklich ausreize. Umfangreiche Formatvorlagen, Verzeichnisse, Fuß- und Endnoten, Register usw.. Meine Doktorarbeit zum Beispiel habe ich in einem einzigen Dokument geschrieben. Hunderte von Seiten, Tausende von Fußnoten, viel zu viele Jahre. Immer mit dem leisen Zweifel im Hinterkopf, ob LaTeX nicht doch die bessere Lösung gewesen wäre.
Und diese Zweifel sind keineswegs ein Produkt der Vergangenheit, sondern ich habe immer wieder mit Studierenden zu tun, die fragen, ob sie nicht LaTeX lernen sollten. Irgendjemand kennt immer jemanden, der gelesen oder gehört hat, dass LaTeX die einzige adäquate Methode für längere Texte sei. Das Gerücht ist irgendwie nicht tot zu kriegen. Daher hier noch mal deutlich: Dem ist nicht so!
Richtig ist, dass LaTeX-Dokumente in der Regel ein besseres Schriftbild und einen besseren Satz haben. Eine Textverarbeitung ist eben kein Satzprogramm. Wer also nur am Ende auf Drucken klicken will, bekommt mit LaTeX das schönere Ergebnis. Die steile Lernkurve verhindert daneben auch schlechte Ergebnisse, weil es dann meist gar keine gibt. Auch bei den Formeln hatte LaTeX lange Zeit die Nase vorn, aber viele Textverarbeitungen haben hier nachgebessert, um den Autoren das Leben leichter zu machen. Ein entscheidender Vorteil ist die Formatstabilität über sehr lange Zeiträume. Aber auch Textverarbeitung ist nicht so schlecht wie ihr Ruf und ich kann problemlos 15 Jahre alte Dokumente ohne sichtbare Abweichungen öffnen. Eine Garantie habe ich bei proprietären Formaten hier natürlich nicht. Mal ganz unabhängig von der Frage, ob dieses Anwendungsszenario überhaupt notwendig ist.
Unbestritten ist auch, dass man mit LaTeX sehr gut längere Arbeiten schreiben kann. Das kann man auch mit Markdown und im Prinzip sogar mit einem normalen Editor. Wobei es da mit den Fußnoten und Endnoten schwierig wird. Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben bahnbrechende Arbeiten mit Papier und Stift oder später mit der Schreibmaschine verfasst. Jeder kann und soll mit dem Werkzeug seiner Wahl arbeiten. Nur sind es irgendwie immer die LaTeX-Anwender, die ihr Werkzeug zum Maßstab erklären. Muss die steile Lernkurve mit Sendungsbewusstsein kompensiert werden? Ich weiß es nicht. Es ist aber auf jeden Fall falsch, denn bei einem der letzten Schritte im Wissenschaftskreislauf steht LaTeX seinen Anwendern massiv im Weg: Publizieren. Ausgerechnet LaTeX, das großartige Satzprogramm.
Jede wissenschaftliche Zeitschrift, die ich bisher gesehen habe und jeder Verlag für eine Buchpublikation nimmt oder verlangt gar eine Word-Datei. Auch moderne Open-Access-Zeitschriften mit OJS-Systemen wollen in der Regel Word-Dateien zur Weiterverarbeitung. Niemand besteht auf ein LaTeX-Dokument, manche nehmen solchen nicht mal an. Manchmal gibt es Vorlagen für Word, manchmal nur Satzhinweise und manchmal geht es wirklich nur um eine Rohtextdatei. Danach beginnt gegebenenfalls die Korrektur und das Lektorat, auf jeden Fall aber der Satz. Die Korrekturschleifen bis zur Fahnenkorrektur laufen in der Regel über Worddateien mit Änderungshistorie und Kommentaren in PDF-Dateien. Für die Worddateien kann in der Regel jedes Textverarbeitungsprogramm verwendet werden, da die Dateien ohnehin weiterverarbeitet werden. Open-Source-Nutzer sind hier jedenfalls nicht im Nachteil. Auch das muss mal geschrieben werden.
Denn kein Verlag druckt ein Manuskript so, wie es die Autoren abliefern. Jeder Verlag und manchmal sogar jede Zeitschrift hat ihr eigenes Design. Der Textsatz schafft Wiedererkennung. Kein Verlag, den ich kenne, macht den Textsatz mit LaTeX. Manchmal kann man es aus den Metadaten herauslesen, manchmal nicht. Oft wird Adobe InDesign verwendet, manchmal wird das Produkt in ein XML-Dokument umgesetzt oder in ein proprietäres Verlagsprodukt. Das Endprodukt ist längst nicht mehr nur das gedruckte Buch oder das E-Book als dessen digitaler Klon, sondern formatunabhängige Publikationen.
Wenn man also mit LaTeX schreiben möchte, weil es dem eigenen Arbeitsablauf besser entspricht, dann kann man das natürlich tun. Man sollte aber nicht dem Irrglauben verfallen, dass man sich das Leben im letzten Schritt des wissenschaftlichen Zyklus irgendwie leichter macht. Im Gegenteil: Wer mit LaTeX schreibt, hat am Ende mehr Konvertierungsschleifen als ein Autor, der ein normales Textverarbeitungsprogramm benutzt. Auf keinen Fall sollte man sich aber von irgendwelchen LaTeX-Nutzern einreden lassen, dass man LaTeX für eine wissenschaftliche oder auch nur längere Arbeit zwingend braucht. Das ist schlichtweg falsch.
Der Artikel Kein Verlag will ein LaTeX-Dokument erschien zuerst auf Curius



