Gestern erschien auf Linuxnews ein Bericht über die Lage von Open Source in München. In den Kommentaren ging es dann mal wieder nur um LiMux. Das Projekt ist seit 2017 tot. Hat mal jemand in den Kalender geschaut?
Werfen wir mal einen kurzen Blick auf die Eckdaten. Anlass für LiMux war die Ablösung von Windows NT 4 und entsprechende Studien im Jahr 2003. Heutige Studienanfänger waren da oft noch nicht geboren. Drei Jahre später rollte man die erste Desktopinstallation mit Debian und KDE 3 aus. Spätestens ab 2012/2013 kommt das Projekt in schweres Fahrwasser. Auch knapp 10 Jahre nach dem Start ist man weit von einer vollständigen Umsetzung entfernt. 2015 ist das Ende des Projekts bereits absehbar und 2017 zieht die Münchner Stadtverwaltung offiziell den Stecker und leitet die Re-Migration auf Microsoft-Lösungen ein.
Das kam keineswegs überraschend, denn LiMux hatte Probleme. Ich hatte mich bereits zwei Jahre vor Projektende hier im Blog damit beschäftigt und versucht zusammenzutragen, wie eigentlich die Basis von LiMux aussieht und was es für Probleme gibt. Erstaunlich finde ich seitdem, wie hartnäckig diese Probleme in der Berichterstattung ignoriert wurden und werden. Diese Gemengelage aus Projektteam, Interessenvertretern, Linux-Community, parteiischer Berichterstattung und der Unwillen oder die Unfähigkeit, andere Perspektiven einzunehmen, sind vermutlich der Hauptgrund für die bis heute verzerrte Wahrnehmung.
Doch wie dem auch sei, wir reden hier über Ereignisse, die also 5 bis 19 Jahre her sind. Damals gab es keine Smartphones, eine deutlich weniger IT-gestützt arbeitende Verwaltung und wir fangen besser gar nicht von den indirekten Pandemie-Folgen wie verstärktes Homeoffice etc. an.
Projekte scheitern. Wer noch nie ein Projekt beerdigen musste, hat noch nie in Projekten gearbeitet oder macht sich etwas vor. Manche Projekte scheitern in einem großen Knall, manche schleifen sich langsam aus, bis irgendjemanden den Stecker zieht, bei manchen verändern sich die Rahmenbedingungen so sehr, dass das Projekt überflüssig wurde. Meistens ist es eine ungünstige Verkettung von Umständen und Fehlentscheidungen, gepaart mit mangelhafter Kommunikation (was viel zu oft unterschätzt wird). Läuft die Dynamik erst mal gegen ein Projekt, kann man es meist nicht mehr retten. Dann heißt es zwei Schritte zurückmachen, Fehleranalyse durchführen und vielleicht in ein paar Jahren einen neuen Anlauf unternehmen.
LiMux war eine große Chance. München erwog sehr früh eine Open Source-Umstellung und war seiner Zeit weit voraus, dazu muss man sich nur die Jahreszahlen anschauen. LiMux bot somit die Chance, ein Leichtturmprojekt zu werden, aus dem – egal wie es ausgeht – viele Lehren gezogen werden könnten.
LiMux endete als absoluter Flop – und das in zweierlei Hinsicht. Es war ein Flop für Linux in der Verwaltung. Hätte LiMux Erfolg gehabt, hätte es möglicherweise ausgestrahlt auf andere Bereiche und wir wären heute nicht so abhängig von Microsoft. Ein ehemaliger SPD-Kanzlerkandidat würde hierzu sagen „hätte, hätte, Fahrradkette“. LiMux war aber auch ein Flop im Bereich der Evaluation. Das gescheiterte Projekt bot eigentlich die Gelegenheit für Open Source-Interessensverter und die Linux-Community aus Problemen zu lernen. 2017 waren neue Anläufe wie „Public Money, Public Code“ schließlich bereits in der Pipeline.
Folgende Fragen für eine tiefergehende Beschäftigung fallen mir da spontan ein. Grob geordnet von abstrakteren Punkten bis zu konkreteren Fragen:
- Wie kommuniziert man ein solches Projekt, um alle relevanten Stakeholder mitzunehmen?
- Wie muss das Vergaberecht angepasst werden, um Open Source in der Verwaltung zu stärken.
- Wie können durch Ausbildung und Personalentwicklung die Grundlagen für solche Projekte in der Verwaltung gelegt werden?
- Wie muss die IT-Abteilung einer Kommune oder eines Bundeslandes strukturiert sein, um solche Projekte erfolgreich durchzusetzen. Was muss hier zentral und was kann dezentral entschieden werden?
- Ist es klug gleich eine vollständige Migration anzustreben oder sollte man nicht mit Programmen und einzelnen Verfahren beginnen und ganz am Schluss möglicherweise das Betriebssystem angehen.
- Ist es sinnvoll mit dem Kostenargument zu werben oder ist Open Source am Ende nicht preiswerter als proprietäre Software.
- Ist es zielführend auf professionellen externen Support wie ihn z. B. SUSE oder Red Hat bieten können zu verzichten.
- Gibt es genug Dienstleister im Linux-Segment in Deutschland um bei Bedarf Service einzukaufen?
- Ist es sinnvoll eine eigene Distribution zu entwickeln?
- Ist die Entwicklung rund um den Linux-Desktop möglicherweise zu volatil für einen Einsatz in eher statischen Umgebungen.
- Hat der Linux-Desktop wirklich die geeigneten Tools um ohne „Turnschuhprinzip“ auf tausenden Rechnern einer Verwaltung zu laufen?
- Ist OpenOffice/LibreOffice wirklich eine adäquate Grundlage für Fachverfahren oder sollte man lieber eine andere Lösung nehmen bzw. entwickeln lassen.
- Gibt es geeignete Groupware-Lösungen auf dem Niveau von Exchange/Outlook?
- Ist es klug die Bedarfe von Verwaltungsangestellten immer einfach als unqualifiziert abzutun?
- Welchen Schulungsbedarf erzeugt man, wenn man nicht auf privates Windows-Vorwissen vertrauen kann?
Diese Liste ließe sich beliebig fortführen. Nicht alle diese Punkte müssen negativ ausfallen, aber Evaluationen bringen meist komplexe Befunde heraus und benennen selten einseitig Schuldige. Die Regierungskoalition in München hatte daran kein Interesse, nachdem sie die gewünschte Abkehr von LiMux erreicht hatte. Zumal man entsprechende Berichte ja vorgelegt hatte. Diese wurden halt nur von der Linux-Community als parteiisch abgelehnt.
Die LiMux-Befürworter haben sich dann aber auch lieber in einseitigen Schuldzuweisungen in Richtung Bürgermeister ergangen und sich auf den Standpunkt gestellt, dass es keine sachbezogenen Gründe gab bzw. diese immer außerhalb ihrer Zuständigkeit gesehen. Von Interessenvertretungen wie z. B. der FSFE kam auch nichts dergleichen. Das Ergebnis sieht man ja wieder in den Kommentaren auf Linuxnews. Dort liest man die seit langem bekannten „Erklärungen“. Da geht es dann um eine verlagerte Microsoft-Zentrale, einen Bürgermeister, dem man entweder Korruption oder Unfähigkeit unterstellt, Abteilungsleiter, die gegen die IT gearbeitet haben (wo wir übrigens wieder bei Kommunikation wären, denn wie kam es dazu?) und andere Rechtfertigungen.
Unbestritten ist, dass es am Ende an politischer Rückendeckung für das Projekt fehlte. Dennoch wäre bei einer erfolgreichen und abgeschlossenen Migration kein Bürgermeister binnen 2 Jahren in der Lage gewesen, eine vollständige Rückabwicklung eines Projekts einzuleiten. Dieses argumentative Spannungsfeld konnten die LiMux-Befürworter nie logisch auflösen.
Dadurch endete das Projekt als doppelter Flop. Es scheiterte nicht nur, es wurden auch keine Lehren aus dem Projekt gezogen, weil alle Beteiligten mit Gesichtswahrung beschäftigt waren und dafür eilfertige Unterstützung in der Berichterstattung erhielten.
Die Chance, aus dem LiMux-Scheitern zu lernen, ist nun endgültig vertan. Mehr als 10 Jahre im argumentativen „Schützengraben“ dürften jede rationale Analyse unmöglich machen. Jetzt ist es an der Zeit, in die Zukunft zu schauen. LiMux ist seit 5 Jahren offiziell erledigt und faktisch seit 10 Jahren angezählt. Ewig vergangenen Projekten nachzuhängen bringt niemandem etwas. Zukunft heißt momentan zuerst Schleswig-Holstein und dann der „souveräne Arbeitsplatz“ des Bundes. Beide Projekte konnten leider nicht direkt aus den LiMux-Fehlern lernen. In Schleswig-Holstein geht man dennoch zum Glück vieles anders an, aber die Entwicklung ist hier auch noch ziemlich offen. Der „souveräne Arbeitsplatz“ von Bundes und Ländern ist gegenwärtig noch ein reichlich nebulöses Unterfangen und deshalb lässt sich dazu wenig sagen.
Wenn eine Gemeinschaft sich lieber in fragwürdigen Erklärungen ohne Beweise ergeht, als Probleme zu evaluieren, ist das nächste Scheitern bereits vorprogrammiert. Auch in Schleswig-Holsten wird es Wahlen geben, Minister werden ihre Ämter tauschen, Karrieren werden weiter vorangetrieben und politische Unterstützung kann sich verschieben. Da sind keine dunklen Mächte am Werk, sondern das ist politische Normalität. Wenn ein Projekt dann nicht stabil läuft, eine breite Unterstützung genießt und bestenfalls bereits fast alternativlos ist, dann kann auch hier schnell das Licht ausgehen.
Das wäre dann das Ende von Open Source / Linux in der Verwaltung. Zwei gescheiterte Projekte dürften alle weiteren derartigen Vorhaben abwürgen. Hoffen wir mal, dass es nicht so kommt.
Der Artikel LiMux – Ewige Phantomschmerzen? erschien zuerst auf [Mer]Curius

































