Linux wird 30 und von allen Seiten kommen die Glückwünsche. Zurecht, denn Linux ist eine riesige Erfolgsgeschichte und weiterhin unfassbar großem Potenzial. Wenn man den Blick auf den Kernel und freie Software als Idee verengt.
Beginnen wir diesen Artikel mit einem fröhlichen Einstieg. Linux ist eine gewaltige Erfolgsgeschichte. Linux hat die Idee, ein Haufen unabhängiger Entwickler könnte gemeinsam ein solches Projekt erstellen, erst salonfähig gemacht. Nebenbei hat Linux die FOSS-Community aus dem GNU-Keller geholt. Linux läuft heute auf so vielen Geräten, das man schon die Geräteklassen nicht mehr aufzählen kann. Von der Nähmaschine bis zum Supercomputer. 80 % der Verbraucher in Deutschland tragen in jedem Moment ein Gerät mit Linux-Kernel in ihrer Hosentasche, Hand an einem Halsband. Es ist der Kern des IoT.
Das ist eine Erfolgsgeschichte des Kernels und der Idee, freie Software zu schaffen. Viele der zahllosen Gratulationsartikel zielen mit Fug und Recht genau darauf ab.
Definition Linux vs. Linux
Daneben gibt es noch Linux als Bezeichnung für ein vollwertiges freies Betriebssystem, das über den Kernel hinaus geht. Natürlich um Linux als Kernel herum aufgebaut mit vielen weiteren Tools, die oft aus dem GNU-Universum stammen, freien grafischen Shells zur Bedienung und freien Endanwenderprogrammen. Um dieses System ist es weit weniger gut bestellt und darüber soll es in diesem Beitrag gehen.
Wir tun uns mit Definitionen dessen, was Linux ist schwer. Das macht es leicht, argumentative Nebelkerzen zu werfen und zu behaupten, Linux sei megaerfolgreich. Denn – siehe oben – es läuft ja auf Milliarden Geräten. Denn der Kernel läuft auf Milliarden Geräten.
Linux als Betriebssystem ist nach vielen Definitionen mehr als der Kernel. Es ist ein freies System aus Kernel, vielen GNU-Userland Tools, freien Shells („Desktopumgebungen“) zur menschlichen Interaktion und vielen Programmen, die das Ganze erst sinnvoll nutzbar machen. Ausgeliefert in Form von Distributionen läuft das auf Millionen Geräten weltweit. Diese Betriebssysteme existieren für Server, für Desktops bzw. Notebooks und in kleinen Nischen auch für andere Geräteklassen.
Sie sind zu unterscheiden von manchen IoT-Systemen oder auch Android, wo ein Linux-Kernel in einem völlig anderen System läuft, das absolut gar nichts mit den oben genannten Systemen gemein hat, außer eben den gleichen Kernel zu nutzen.
Zur Hälfte erfolgreich und hoch spezialisiert
Dieses beschriebene System läuft vor allem auf zwei Geräteklassen: Servern und Desktop bzw. Notebooksystemen (im weiteren einfach Desktops genannt). Rund um 2005-2005 als sich das heutige Linux-Ökosystem stabilisierte, gab es auch nichts anderes, was bis in die Gegenwart überdauert hätte.
Bei Server ist es unfassbar erfolgreich. Davon profitierte Linux auch in anderen Bereichen, denn ohne diesen Erfolg wären viele Entwicklungen undenkbar gewesen. Wie lange das noch so weitergeht weiß niemand. Die Synergien zwischen Server-Systemen und Desktop-Systemen sind überschaubar. Je spezieller die Server-Setups, desto weniger wird die dortige Entwicklung für den Desktop noch fruchtbar sein. Der Server-Part des Linux Betriebssystems entwickelt sich zudem immer stärker in eine Richtung, die Kritiker „Corporate Linux“ nennen. Wie viel der FOSS-Gedanke dort in Zukunft noch bedeutet, bleibt abzuwarten.
Wo FOSS als Ideal sicher noch eine große Rolle spielt ist der Desktop-Part des Betriebssystems Linux. In der Nische Desktop hat man sich über die letzten zwei Dekaden hoch spezialisiert. Interessanterweise hat sich der weniger erfolgreiche Teil von Linux als Betriebssystem mehr aufgespalten als der erfolgreiche Part. Es gibt jedenfalls nicht 200 Enterprise-Distributionen für Server. Über Ursache und Wirkung könnte man hier mal nachdenken. Wir dem auch sei: Für den Desktop gibt es hunderte Distributionen, zig Desktopumgebungen, noch mehr Alternativen bei den Endanwenderprogrammen. In Darwins Evolutionstheorie wäre Linux auf dem Desktop dieses eine hoch spezialisierte Wesen, das seine perfekte Nische gefunden hat bzw. sich perfekt an diese angepasst hat.
Das Problem ist nur: Das Ökosystem verändert sich, denn neue Geräteklassen kommen auf. Smartphones, Tablets, Smartwatches usw. usf. Linux in all seiner Spezialisierung war darauf nicht vorbereitet und hat sich nicht schnell genug angepasst. Linux als vollwertiges Betriebssystem ist abgesehen vom Server-Part festgenagelt auf dieser einen Geräteklasse: Desktop. Diese Geräteklasse wächst kaum noch, ihr Ende wird immer mal wieder vorhergesagt, ist dennoch mittelfristig unwahrscheinlich, aber sollte es so kommen, käme es plötzlich. Das haben all die plötzlichen Brüche in den letzten Jahren gezeigt.
Erfolge in der Nische?
Das drohende Ende des Desktops mal kurz beiseite gewischt. Wenigstens sagen manche, gegenwärtig sei das kein Problem, denn dafür ist Linux erfolgreich in seiner Nische. Dahinter möchte in ein großes Fragezeichen setzen. In den ganzen Meldungen über eine neue Distribution hier, eine neue Desktopumgebung dort und eine neue Version hier und da verliert man manchmal den Überblick. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.
Was war der letzte große Erfolg von Linux auf dem Desktop? Also ein Quantensprung, bei dem viele sagten, dass dies Linux insgesamt vorangebracht habe. Ich musste lange darüber nachdenken und kam zum Schluss, dass dies vermutlich die Verfügbarkeit von Steam für Linux war. Das war 2013. Das größte Erfolgsprojekt davor war vermutlich Ubuntu, das Linux für viele erst Salonfähig gemacht hat, bis heute ein Synonym für Linux bei vielen Menschen ist und vermutlich auch immer noch die Distribution mit der größten Reichweite darstellt.
Ich würde mich sehr über Kommentare mit Erfolgen seit 2013 freuen. Mir sind keine eingefallen.
Risiken nicht zu knapp
Es gibt diese romantische Vorstellung von einer Gemeinschaft, die Software entwickelt und dann kollaborativ ein super Produkt schafft. Im Kernel mit seinen vielen Entwicklern, die für ganz unterschiedliche Firmen arbeiten oder vielleicht sogar ehrenamtlich tätig sind, kommt das vielleicht am ehesten zum Tragen.
Diese Vorstellung hat nur nicht viel mit der Realität gemein. Ich hatte das bereits in einem anderen Artikel aufgedröselt. Das gilt nicht für den Server-Part mit seinen vielen Firmen und angestellten Entwickler, aber auch der Linux-Desktop hängt ganz zentral von wenigen Firmen ab. Diese haben einen enormen Einfluss auf wichtige Projekte und die dort angestellten Entwickler stemmen einen Großteil der Arbeit.
Der Server-Part läuft gut, die Firmen in dem Segment fahren gute Gewinne ein, werden auch weiter investieren und Entwicklungen voran treiben. Wobei es auch da durch die Konsolidierung von AWS, Azure & Co bedrohliche Perspektiven gibt. Im Kapitalismus sind Gewinnmöglichkeiten aber eine mächtige Triebfeder und nur ein Narr würde für den Server-Part von Linux schwarz malen.
Der Desktop-Part hat deutlich schlechtere Aussichten, weil er subventioniert wird. Red Hat (IBM) dominiert GNOME und ist zentral für wichtige Projekte wie systemd, PolicyKit, Flatpak, Wayland, X.Org usw. usf. Zusammen mit Collabora ist Red Hat auch immens wichtig für die Weiterentwicklung von LibreOffice. Für Privatanwender wichtiger ist Canonical, ohne dessen Arbeit Ubuntu nicht existieren würde und die der eher losen Ubuntu-Community das Rückgrat einziehen. Spielen auf dem Linux-Desktop kann man ohne Steam faktisch vergessen. Mozilla stellt mit Firefox den wichtigsten Browser für Linux-Nutzer zur Verfügung (gemessen am Standard der Distributionen) und der zweite wichtige Browser kommt von Google. Wie stabil die Weiterentwicklung von KDE ohne bluesystems wäre, darf man auch getrost bezweifeln. Zumal KDE auf Qt als Basis angewiesen ist, genau wie LXQt und viele weitere Projekte. Ein Toolkit, das von einer kommerziell agierenden Firma entwickelt wird.
Darum herum gibt es natürlich viele Freiwillige und zahllose Projekte, die ganz oder größtenteils ehrenamtlich entwickelt werden. Doch man muss kein großer Pessimist sein, um sich zu fragen, ob diese Projekte ohne diesen Kern wirklich eine große Zukunft hätten. Ein kleines Experiment gab es da ja bereits. In die mobilen Pläne der Community haben sich diese Firmen, abgesehen von Canonical nie eingemischt. Das Ergebnis sehen wir ja gerade.
Was eint alle diese Firmen? Sie verdienen mit Linux auf dem Desktop kein Geld. Red Hat ist da noch nahe dran durch sein Enterprise-Geschäft, aber Server-Infrastruktur und Desktop entfernen sich immer weiter. Die Synergien sind überschaubar. Canonical verdient an den Privatkunden sowieso nichts. Collabora hat jüngst die finanziellen Schwierigkeiten beklagt. Steams Linux-Projekte war alle Flops und Linux-Anwender machen nur 1 % der Nutzer aus – teure 1 %. Mozilla hängt am Tropf von Google, Ausgang ungewiss. Und auf Google ist kein Verlass, Projekte sterben dort wie die Fliegen und mit Fuchsia macht man erste Lockerungsübungen weg von Linux. Nicht zu vergessen die Probleme mit Qt und seiner Lizenzpolitik, durch die der Community gerade die LTS-Version von Qt genommen wurde. Das geschah sicher nicht, weil die Qt Company so richtig gute finanzielle Perspektiven hat.
Zusammengefasst
Linux wird 30 und der Kernel hat mit Sicherheit eine strahlende Zukunft vor sich. Das Entwicklungsmodell ist stabil und die Einsatzszenarien gewaltig. Man kann diesen Tag wirklich feiern und sehen, was die FOSS-Community in 30 Jahren erreicht hat.
Linux als Betriebssystem jenseits des Kernels hat da eine unsicherere Zukunft. Viele problematische Entwicklungen in den letzten Jahren, zahlreiche verpasste Chancen, Firmenübernahmen und Tendenzen jenseits der Einflussmöglichkeiten der Community haben einige Risiken entstehen lassen.
Am Server und im Enterprise-Segment mag das nicht so drastisch sein, weil hier noch genug Firmen gutes Geld verdienen, aber wie lange die Community noch von den Entwicklungen im Serverbereich profitieren kann, muss man abwarten. Zumal der Serverbereich unter dem Konsolidierungsdruck von AWS, Azure & Co auch noch interessante Entwicklungen durchlaufen könnte. Kubernetes & Co sind zudem nichts was ich am Desktop benötige. Von anderen Hardwareklassen mal ganz zu schweigen.
Die nächsten Jahre werden spannend für Linux als Betriebssystem und ich wünsche mir sehr, dass meine Bedenken alle grundlos waren und jene Kommentatoren recht behalten, die mir Miesepeterei vorwerfen.
Der Artikel Linux wird 30 – Als Betriebssystem am seidenen Faden? erschien zuerst auf [Mer]Curius