Das AftermarketOS /e/ bzw. nunmehr teilweise Murena wird seit einiger Zeit als große Hoffnung gehandelt. Vieles ist dort gut gelöst, weil man versucht die Stärken von iOS zu übernehmen. In der Umsetzung gibt es aber Mängel.
/e/ war in diesem Blog vor knapp zwei Jahren schon ein mal Thema. Damals konnte es nicht überzeugen, aber da es weiterhin als relevanes Thema durch einschlägige Plattformen geistert, wollte ich einen zweiten Blick darauf werfen und die weitere Entwicklung prüfen.
Was ist /e/ bzw. /e/OS?
Hinter der Gründung /e/ steht unter anderem Gaël Duval – ein Urgestein der Open Source Community. Vor 20 Jahren kombinierte er Red Hat mit KDE und schuf dadurch Mandrake Linux. Der Open Source Welt ist er Treu geblieben, doch wie so viele hat er sich aus der aktiven Linux-Entwicklung zurück gezogen und ist nun auf anderen Baustellen unterwegs.
/e/ ist ein ziemlich ungünstiger Name, das hat man inzwischen beim Projekt auch begriffen und firmiert deshalb nach und nach in Murena um. Wobei mir nicht klar ist, was alles unter der neuen Marke laufen wird.
Vom Prinzip her ist das /e/OS ein LineageOS plus microG, ein eigener Launcher und spezifische /e/-Mehrwertdienste. Das /e/OS hat zwar mit dem Launcher und dem eigenen Icon-Theme optische Alleinstellungsmerkmale, aber der versierte Nutzer erkennt sofort die LineageOS-Basis.
Vor allem Letztere machen hier den Unterschied aus und vermutlich der Grund, weshalb viele das Konzept von /e/ loben und hier die Zukunft sehen. /e/ bietet mit der eCloud ein Open Source-basiertes Pendant zum Google oder Apple-Ökosystem. E-Mail und PIM, ein Cloudspeicher und verschiedene WebApps sollen das Google Konto oder die iCloud ersetzen. Durch die direkte Integration in das AftermarktetOS kann man die eCloud genau so einfach wie ein Google Konto einrichten.
/e/OS als Kern des Ökosystems kann dabei ziemlich unterschiedliche Versionen bezeichnen. Neben den offiziellen Geräten, die sich als Murena Smartphones im Shop erwerben lassen, gibt es an die 200 „unterstützte“ Geräte, bei denen ganz unterschiedliche Android-Versionen laufen.
Kritikpunkte
Das Konzept ist interessant und versucht die Grenzen anderer Aftermarket-Lösungen hinter sich zu lassen, die doch eher den mündigen Nutzer angesprochen haben, der sein Gerät selbst einrichten kann und viele Details selbst konfigurieren möchte. /e/ will hingegen ganz offenkundig eher eine Lösung Out-of-the-Box bieten. Leider stößt man hier an zahlreiche Grenzen und macht vieles leider auch ziemlich schlecht.
- /e/ wirbt damit fast 200 Geräte zu unterstützen. Dabei haben nur ganz wenige wie z. B. das Fairphone oder Gigaset GS290 offiziellen Support. Bei allen anderen hat man mehr oder minder gut LineageOS mit den /e/ Zusatzbestandteilen versehen. Mein Testgerät, ein Samsung Galaxy S10, das offiziell bei LineageOS unterstützt wird, kommt bei /e/ mit Sicherheitsupdates vom 5. August und Herstellerpatches vom 01. Juli. Die /e/-Version ist dabei aus dem August. Das ist indiskutabel. Weniger wäre hier mehr.
- AftermarketOS können sowieso nur hinsichtlich des Datenschutzes punkten. Bei der Sicherheit sind sie den Herstellersystemen nahezu immer unterlegen. Das ist systemimmanent und kann durch die Entwickler der Aftermarket-Lösungen nicht beeinflusst werden.
- Als Store liefert man weder F-Droid, noch Aurora, sondern eine eigene Lösung. Woher die Apps kommen ist für den Anwender völlig intransparent. Lediglich über die FAQ erfährt man, dass die Apps von CleanAPK stammen – eine reichlich dubiose Lösung. Im Angebot sind zahlreiche Open Source Apps, aber auch proprietäre Apps. Wenigstens wird auf Tracker hingewiesen.
- Vorinstallierte sind zahlreiche Open Source Apps, denen man teilweise ein eigenes Branding übergezogen hat. Es gibt aber auch einige Spezialsachen wie die Karten-App Magic Earth. Bei einer Nutzung werden zahlreiche Verbindungen zum Anbieter initiiert. Die Seite hat kein Impressum und Büros in der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und Rumänien.
- Das Gerät nimmt in der Standardkonfiguration Verbindungen zu Google-Servern wie „supl.google.com“ auf und ist damit nicht so Google-frei wie beworben.
- /e/OS implementiert vollumfänglich microG. Vom Servicekonzept ist das nachvollziehbar, aber ich persönlich stehe microG kritisch gegenüber.
Insgesamt bleibt es deshalb beim selben Fazit wie vor 2 Jahren. Das Konzept ist interessant, aber die Liste der Kritikpunkte und Mängel ist lang. Hier hat man seitdem keine substanziell erkennbaren Fortschritte gemacht. Ich hatte vor zwei Jahren durchaus noch das Entwicklungspotenzial gesehen, aber das fällt mir nun schon schwerer. Meiner Ansicht nach ist /e/ ein toter Zweig der Android-Entwicklung. Eine interessante Idee, die auf halber Strecke stecken geblieben ist. Auch weil viele Probleme im Android-Ökosystem jenseits der Einflussmöglichkeiten eines solchen Projekts waren und sind.
/e/OS ist in seinem gegenwärtigen Zustand sicherlich eine interessante Alternative für jene, die von ihrem Stock Android weg möchten, dabei aber wenig bis keine Kompromisse machen wollen. Hier sollte man aber genau prüfen, welche Version für die eigene Hardware bereit steht. Wie groß diese Zielgruppe ist und ob man als Anwender am Ende wirklich etwas hinsichtlich des Datenschutzes gewinnt oder es nicht doch mehr Placebo ist, wenn man auf /e/ wechselt, kann man durchaus bezweifeln.
Der Artikel /e/ – Viele gute Ansätze aber schlechte Umsetzung erschien zuerst auf [Mer]Curius










