Gegen Ende des Jahres gebe ich traditionell einen kleinen Einblick in das, was ich so an Hardware und Software nutze und das, was sich im vergangenen Jahr geändert hat. Viele prominente Vertreter von Datenschutz und Privatsphäre schreiben gerne über das richtige Nutzungsverhalten, aber jeder muss Kompromisse machen. Diese mache ich hier transparent.
Der Blog auf [Mer]Curius spiegelt meine gegenwärtigen Interessen im Bereich Privacy meist ziemlich gut wider. Dieses Jahr hat sich einiges verschoben. Beruflich bin ich stärker zu meinen beruflichen Wurzeln zurückgekehrt und habe nur noch am Rande mit Themen der Datenverarbeitung zu tun. Nach zwei Jahren vorwiegend im Homeoffice bin ich zudem wieder in den hundertprozentigen Präsenzmodus gewechselt, weshalb die Tätigkeit am heimischen Schreibtisch wirklich nur noch Privatkram umfasst.
Gleichzeitig habe ich mich weitestgehend aus dem Linux-Diskurs ausgeklinkt. Die Linux-Gemeinschaft hat in ihrer Kultur viel von Twitter. Sie wird dominiert von alten, frustrierten Männern, die nicht wollen, dass sich die Welt weiterentwickelt sowie jahrzehntelange Enttäuschungen und Überlegenheitsgefühl kultivieren. Je mehr sich in den letzten Jahren abgewandt haben, desto mehr prägen diese Typen den Diskurs. Anstelle Aufbruch und Enthusiasmus geht es inhaltlich bei vielen Diskussionen um verpasste Chancen und Dinge, die vor 15 Jahren waren. Mehr soll zu Linux nicht gesagt werden und zu Twitter später mehr.
Hardware & Betriebssysteme
In dem Bereich gibt es nicht viel zu berichten. Im vergangenen Jahr hatte ich noch viele Hoffnungen mit elementary OS bzw. Pantheon verbunden, aber das Projekt ist gleich Anfang des Jahres implodiert. Eine Version auf Basis von Ubuntu 22.04 gibt es immer noch nicht und die Entwicklung verläuft nur noch schleppend. Ich arbeite daher wieder mit meinem Plasma-Setup auf Basis von Kubuntu 22.04, weil ich im Frühjahr/Sommer Schwierigkeiten mit openSUSE hatte und ich mich mein System vor allem in Ruhe lassen soll.
Ich nutze dabei viel Open Souce Software, aber auch einige proprietäre Programme wie beispielsweise SoftMaker Office, moneyplex, den Master PDF Editor und so manche Synology App. Ohne diese proprietären Programme wäre Linux für mich eigentlich nicht benutzbar. Dafür habe ich aber im beruflich-privaten Mischbereich dieses Jahr Citavi gegen Zotero getauscht. Zotero hat sich in den vergangenen Jahren wirklich gut entwickelt und Citavi leider gar nicht gut. Es gibt also immer auch positive Entwicklungen.
Mein mobiler Begleiter ist ein Pixel 6 mit GrapheneOS. Ich bin damit sehr glücklich, weil GrapheneOS sehr viele Schwächen behebt, die ich mit Aftermarket-Betriebssystemen wie LineageOS verbinde. Ganz ohne proprietäre Apps komme ich leider nicht aus. Der DB Navigator ist eine einzige Trackingmaschine, aber leider unverzichtbar für routinierte Bahnfahrer. Dann noch die App meiner Bank für die Zweifaktor-Authentifizierung und noch WhatsApp. Insgesamt hält es sich aber wirklich in Grenzen und ich kann 90 % meiner Anwendungen mit Open Source Apps bestreiten.
Der Kern meiner Datensynchronisation verläuft über mein Synology NAS. Seit Anfang des Jahres erledige ich meine Datensicherungen via Vorta/Borg auf das NAS. Das Synology NAS habe ich schon einige Jahre und werde es weiternutzen, bis es aus dem Herstellersupport fällt, aber ob ich mir erneut von Synology NAS kaufen werde, muss ich sehen. Auf einen Linux-Homeserver wie früher mit der ganzen Bastelarbeit und dem Betreuungsaufwand habe ich aber definitiv keine Lust mehr. Und ob die Welt bei QNAP wirklich rosiger aussieht? Hoffentlich steht hier keine Entscheidung in 2023 an.
Kommunikation
Im Bereich Kommunikation gab es einige extrem erfreuliche Entwicklungen. Signal hat bei mir erneut einen riesigen Satz nach vorne gemacht und bildet heute die Basis für einen Großteil meiner Kommunikation. Nur 2-3 renitente Kontakte erfordern noch WhatsApp auf dem Smartphone. Wäre ich konsequenter, könnte ich WhatsApp vermutlich jetzt schon deinstallieren, aber bei solchen Sachen bin ich oft bequem und habe keine Lust mit den Leuten über den genutzten Kommunikationskanal zu verhandeln. Missionieren können gerne andere, ich mache das schon lange nicht mehr.
Gelitten unter der Entwicklung hat einerseits Threema und andererseits die klassische E-Mail. Beruflich sind Mails immer noch das Rückgrat meiner Kommunikation, aber privat laufen darüber wirklich nur noch Benachrichtigungen oder Vertragssachen. Ich habe keine fünf privaten Mails dieses Jahr erhalten und verschlüsselt war davon natürlich keine. Auf der Arbeit habe ich sogar ein S/MIME Zertifikat und signiere ebenso wie die meisten internen und externen Kollegen fleißig meine Mails. Verschlüsselung nutzt dagegen trotzdem niemand. Die Mail-Verschlüsselung war nie lebendig, deshalb kann man sie auch nicht für tot erklären. Erledigt ist sie aber allemal.
Die größte Überraschung war dagegen Mastodon. Nach den ersten Meldungen über den beabsichtigten Kauf von Twitter durch Elon Musk war ich höchst skeptisch. Im Herbst ging es dann ganz schnell. Meine Blase migrierte in rasantem Tempo im November, ich löschte dann ziemlich schnell mein Konto und ein Ende der Migration von Twitter zu Mastodon ist deutschsprachigen Raum noch nicht abzusehen. Damit ist erfreulicherweise eine meiner „Sünden“ gegen Ende des Jahres 2022 plötzlich weggefallen.
Dienste
Ein paar Dienste habe ich schon genannt. Den ganzen PIM-Bereich betreibe ich immer noch selbst über mein Synology NAS. Das gilt auch für den Bereich „Cloud“ und RSS-Synchronisation.
Bei Diensten, die ich nicht selbst betreiben kann oder will, versuche ich möglichst datenschutzfreundliche Angebote zu nutzen, aber alles hat Grenzen. Als Suchmaschine nutze ich immer noch gerne DuckDuckGo und finde manche Kampagne gegen DDG im vergangenen Jahr höchst zweifelhaft. Daneben greife ich immer noch auf Google zurück. Vor allem, wenn ich nicht genau weiß, was ich eigentlich suche, liefert Google deutlich bessere Ergebnisse. Navigation läuft über OSM. Auf dem Smartphone hatte mir jemand Organic Maps empfohlen, das dann sehr schnell das für mich überladene OsmAnd abgelöst hat. Die Entwicklung ist stabil und erfreulich.
Sünden
WhatsApp ist noch da, Twitter dafür weg. Neu hinzugekommen ist ein smarter Staubsaugerroboter. Wirklich datenschutzfreundliche Lösungen gibt es in dem Bereich nicht. Man kann lediglich zwischen verschiedenen weniger guten Lösungen wählen. Mein SONOS Soundsystem und mein LG TV mit webOS dürften auch ganz ordentlich nach Hause funken. Das könnte ich theoretisch mit einem pi hole abblocken, aber mache ich nicht, weil ich einige Funktionen und Voreinstellungen von pi holes prinzipiell ablehne.
Insgesamt also im Bereich Datenschutz und Privatsphäre bei mir ein höchst unspektakuläres Jahr, bei dem viel Hardware und deren Systeme einfach weiter liefen und es wenig Veränderungen gab.



